Buchhaltung Grundlagen

Was ist beim Reverse-Charge Verfahren zu beachten?

13. Februar 2014

Reverse-Charge Verfahren

Bei Lieferungen und Leistungen ist das leistende Unternehmen grundsätzlich zur Abführung der Umsatzsteuer verpflichtet. Beim Reverse-Charge Verfahren, das als steuerrechtliche Spezialregelung in § 13b UStG niedergelegt ist und im Jahr 2002 erstmals angewendet wurde, wechselt die Umsatzsteuerschuldnerschaft auf den Leistungsempfänger, soweit es sich beim Abnehmer um ein Unternehmen oder um eine Körperschaft des öffentlichen Rechts handelt.

Der Zweck des Reverse-Charge Verfahrens

Die Umkehrung der grundsätzlich im Umsatzsteuerrecht geltenden Steuerpflicht führt zu einer Vereinfachung des Besteuerungsverfahrens sowohl für die Finanzbehörden als auch für das leistende Unternehmen, da eine Umsatzsteueranmeldung in demjenigen Staat, in dem die Leistung erbracht wird, entfällt. Umsatzsteuer muss nicht mehr durch das Finanzamt ausgezahlt werden, da nur noch eine Verrechnung erfolgt. Zudem erübrigen sich für den Fiskus eventuell erforderliche Vollstreckungen von Steueransprüchen im Ausland. Das Reverse-Charge Verfahren dient der Vermeidung von Steuerbetrug insbesondere in Form des sogenannten „Karussellbetrugs“. Beim Karusellbetrug wirken mehrere aus verschiedenen EU-Staaten stammende Händler innerhalb einer Lieferantenkette so zusammen, dass einer von ihnen die von einem Lieferanten erhaltene Umsatzsteuer nicht abführt, alle Abnehmer jedoch gegenüber dem Finanzamt Vorsteueransprüche geltend machen. Hinter der Einführung des Reverse-Charge-Verfahrens steht der Grundgedanke, dass Umsatzsteuer bei solchen Geschäften nicht hinterzogen werden kann, bei denen Mehrwertsteuer erst gar nicht ausgewiesen werden darf.

Steueranmeldung und steuerliche Wirkung

Das die Leistung empfangende Unternehmen ist bei Anwendung des Reverse-Charge-Verfahrens zur Anmeldung der Umsatzsteuer verpflichtet, darf aber gemäß § 15 Absatz 1 UStG auch einen Vorsteuerabzug geltend machen. In der steuerlichen Belastung unterscheidet sich das Umkehrverfahren also nicht von dem bisherigen Umsatzsteuersystem.

Rechnungstellung

Der leistende Unternehmer darf seinem Abnehmer bei Anwendung des Verfahrens nur den Nettobetrag der Leistung in Rechnung stellen. Zudem schreibt § 14a Absatz 5 UStG zwingend vor, dass die Rechnung in Fällen des Umkehrverfahrens einen Hinweis auf die „Steuerschuldnerschaft des Leistungsempfängers“ enthält.

Anwendung des Reverse-Charge Verfahrens in Deutschland

Die Anwendungsfälle des Reverse-Charge Verfahrens sind nicht europaeinheitlich geregelt. Vielmehr entscheidet das Umsatzsteuerrecht desjenigen EU-Staates, in dem die Leistung erbracht wird, über den Einsatz des Umkehrverfahrens.
Das Reverse-Charge Verfahren zielt auf bestimmte Geschäftsarten, die für Steuerbetrug besonders anfällig sind. In Deutschland gilt das Umkehrverfahren gemäß § 13b Absatz 1 UStG u. a. für

• Werklieferungen und sonstige Dienstleistungen, die ausländische Unternehmer in Deutschland erbringen,
• Lieferungen von Elektrizität und Gas durch ein ausländische Unternehmen,
• Bauleistungen mit Ausnahme von Planungs- und Überwachungsleistungen,
• den Erwerb von Grundstücken,
• Lieferungen von in Anlage 3 zum UStG abschließend aufgeführten Gegenständen wie Metallschrott, Kunststoffabfällen und Glasabfällen (ohne erforderliche Sortier-, Transport- und Bearbeitungsleistungen),
• Lieferungen von Gold und Goldplattierungen,
• Gebäudereinigungsleistungen und
• Lieferungen von Mobilfunkgeräten.
Seit dem 1. September 2013 gilt das Reverse-Charge Verfahren auch für Lieferungen von Gas und Elektrizität innerhalb Deutschlands.

In welchen Fällen greift das Reverse-Charge Verfahren nicht?

Nicht anwendbar ist das Verfahren bei Leistungen an Privatpersonen, bei denen der leistende Unternehmer die Umsatzsteuer weiterhin an das Finanzamt abführt.
Das Umkehrverfahren setzt außerdem steuerpflichtige Leistungen voraus, so dass es bei steuerfreien innergemeinschaftlichen Ausfuhren nicht zum Einsatz kommt.

Entstehung der Steuerschuld

Im Falle steuerpflichtiger sonstiger Leistungen entsteht die Steuerschuld gemäß § 13 Absatz 1 UStG beim Reverse-Charge Verfahren nicht erst mit Ausstellung der Rechnung, sondern bereits zum Ende desjenigen Voranmeldungszeitraums, in dem die Leistung erbracht wurde.

Allgemeine Einführung des Reverse-Charge Verfahrens?

Für die Zukunft erscheint eine generelle Verlagerung der Steuerschuld auf die Empfänger von Lieferungen und Leistungen wegen des dann vereinfachten Besteuerungsverfahrens durchaus möglich. Angesichts der grundlegenden Unterschiede zum derzeit geltenden System wäre allerdings eine europaweit einheitliche Umstellung erforderlich, um die Funktionsfähigkeit des europäischen Binnenmarktes sicherzustellen. Während Deutschland und Österreich für eine Ausweitung des Reverse-Charge Verfahrens plädieren, weist die EU-Kommission u. a. auf mögliche negative Auswirkungen für die angestrebte Harmonisierung der nationalen Umsatzsteuersysteme hin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*